Mission = Leben teilen
„Könntest du dir vorstellen, eine Freundin von mir bei dir arbeiten zu lassen?“ Meine Nachbarin stellte mich vor eine schwierige Entscheidung. Eine Haushaltshilfe? Das erinnerte mich doch sehr an ein Herrschaftshaus mit Bediensteten. Gleichzeitig war mir klar: Ohne Einkommen wird sie es sehr schwer haben. Wir vereinbarten vorerst einen Tag in der Woche, an dem sie zu uns kommen sollte. Irama sollte unseren beiden Kindern die lokale Sprache und mir das einheimische Kochen beibringen. Sie wollte lieber jeden Dienstag sauber machen und kochen. Ich hatte den Tisch bereits für uns alle gedeckt und war gespannt auf unser erstes gemeinsames Mittagessen. Aber wo war Irama? Wir warfen einen Blick in die Küche. Irama saß mit ihrem Teller auf dem Küchenboden! Meine vierjährige Tochter nahm ihren Teller, ging zu Irama und setzte sich neben sie. Sie grinste. „Mama, komm. Wir essen heute in der Küche!“, und nahm Iramas Hand zum Gebet. Das war das erste Mal, dass wir auf dem Küchenboden aßen. Es war einfach super!
Einige Wochen später feierte unser Sohn seinen zweiten Geburtstag. Irama war eingeladen. Er zeigte ihr mit leuchtenden Augen seine neue Eisenbahn. Als ich die beiden sah, ließ Jesus mich sein Herz für Irama spüren, seine Liebe, sein Mitgefühl und seine Entschlossenheit, ihr treu zu bleiben. Irama zeigte meinem Sohn ein Foto von einem Jungen. „Das ist mein Sohn. Er ist acht Jahre alt und lebt bei meiner Mama auf der Nachbarinsel. Ich kann nur mit ihm telefonieren und habe ihn schon fast zwei Jahre nicht mehr gesehen.“ Ich setzte mich neben Irama und sah ihr Hintergrundbild auf dem Handy. „Ist das sein Papa?“, fragte ich. Diese Frage löste einen Zitteranfall bei ihr aus: „Nein, das ist … also war …“
Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen. Ich zögerte, nahm sie dann aber fest in den Arm. Nun brach es aus ihr heraus: Sie war als junges Mädchen schwanger geworden. In ihrem islamischen Dorf war klar, dass sie heiraten musste, bevor das Kind geboren wurde. Ihr Mann war nicht gut zu ihr und verließ sie eines Tages. Ihr Sohn musste zu ihrer Mutter, und sie suchte vergeblich nach Arbeit. Ihr Weg führte sie auf die christliche Nachbarinsel. Ihre Familie verbot ihr, ihren Sohn mitzunehmen. Sie fand Arbeit und freundete sich mit einem Mann an. Er war Christ, was ein Problem war. Doch schließlich ließ sie sich darauf ein, mit ihm in seine Gemeinde zu gehen. Er hielt um ihre Hand an und sie änderte für ihn ihre Konfession. Das war eine Beleidigung für ihre Familie zu Hause. Kurz vor der Hochzeit wachte ihr Verlobter eines Morgens nicht mehr auf. Er hatte Herzprobleme und war in der Nacht gestorben. Sie brachte die Worte kaum über die Lippen. Nun liefen uns beiden die Tränen über die Wangen. Ich hielt sie so fest ich konnte.
Sie sah mich an und sagte: „Erst nach der Beerdigung habe ich so richtig zu Jesus gebetet, erst dann habe ich sein Wort wirklich gelesen und erst dann habe ich begonnen zu verstehen, wer er ist. Er ist ein Vertrauter, der beschlossen hat, bei mir zu bleiben, mich durch schwere Zeiten zu tragen, und dessen Liebe zu mir kein Ende hat. Für mich nahm er den Platz eines Ehemannes in meinem Leben ein. Er sorgt für mich. Meine Liebe zu meinem Verlobten hat mich zu Jesus geführt – trotzdem tut es so weh.“
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir so dagesessen haben. Aber eines weiß ich sicher: Irama ist Teil unserer Familie, weil Jesus uns zu Schwestern gemacht hat.
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