Echte Männer weinen nicht
Ich weine, wenn andere Männer weinen. Wenn der Prediger unter Tränen davon erzählt, dass sein Sohn Jesus nicht kennt. Wenn mein Freund um seinen verstorbenen Vater trauert. Manchmal auch, wenn Männer in Filmen weinen. Es berührt mich, wenn jemand das stille Credo „Echte Männer weinen nicht" überwindet und offenbart, was in seinem Herzen passiert. Wenn jemand unter die harte Oberfläche von Stärke, Verantwortung und Kontrolle schauen lässt. Einfach zu sehen, wie sehr das Herz berührt und bewegt ist. Dann brauche ich auch ein Taschentuch. Und dann trockne ich mir meine Tränen ab und denke daran, dass es weitergehen muss, dass ich stark sein sollte, frage mich, welche Verantwortung ich hier übernehmen kann, oder ich lenke mich ab, vergesse nach dem Gottesdienst einfach in meinem Alltag, was mein Gegenüber und mich bewegt hat. Es war eine kurze emotionale Achterbahnfahrt, aber jetzt verlasse ich den Freizeitpark der Gefühle und gehe wieder ins echte, reife Leben...
Was ist aber, wenn Gott mein Herz berührt hat und es brechen möchte? Was ist, wenn er mir Menschen und Zustände ins Herz legt, über die ich weinen und die ich vor ihm niederlegen soll? Was ist, wenn Gott eben nicht möchte, dass ich in einen „starken" und „reifen" Alltag gehe? Was ist, wenn Gott möchte, dass es mir wie Jesus geht?
"Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und hingestreckt waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte aussende." [Mt 9,36-38]
Jesus ist bewegt. Sein Herz ist gebrochen für die tiefe Not der Menschen. Das lässt sich nicht abstellen, indem man wieder in seinen Alltag geht. Das ist kein Gefühl, das nach einer Predigt verblasst oder sich mit der nächsten Aufgabe verdrängen lässt. Es brennt weiter und geht tiefer. Jesus bleibt aber nicht einfach nur dabei, bewegt zu sein, sondern wandelt es in ein Gebet und fordert seine Jünger auf, es genauso zu tun: „Bittet nun den Herrn". Es geht nicht darum, die Welt zu verändern, sondern sich innerlich bewegen zu lassen. Es geht nicht darum, einfach Gefühle zu zeigen, sondern das, was dich bewegt, in die Hände Gottes zu geben.
Lass dich einladen, dass Gott dich innerlich bewegt.

